22/m/Student

Wie bin ich zu meinem Browsergame gekommen? Die Frage hab ich mir auch schon ein paar mal gestellt - Was hat mich nur geritten mit diesem Spiel anzufangen...
Angefangen hat alles in meinem ersten Semester an der Hochschule, ein Kumpel sagte mir: "Hey, hast du nicht Lust mitzuspielen? Ich hab da nen Account übrig". Ich sagte ja. Der Account war kaum ausgebaut - im Vergleich zu der Umgebung - und so bekam ich relativ schnell Besuch von den ersten Plünderschiffen auf meine Insel. Der Schreck war groß - die Insel war "rot", sie wurde angegriffen und ich wusste nicht, was zu tun ist. Es war keine Panik, aber doch ein recht starkes Unbehagen - immerhin war das mein erster Account, es war zwar nur eine Insel aber ich hab sie von nem Kumpel bekommen und ich kann die doch jetzt schlecht verlieren, wie stände ich denn dann da. Es waren aber nur Plünderschiffe. Ich baute den Speicher und die Mauer hoch, so dass sich das Plündern nicht mehr lohnte - auf die Idee den Plünderer anzuschreiben kam ich erst als der anfing die mühsam aufgebaute Mauer und den Speicher wieder runterzubomben. Das war der Moment, in dem ich meinen ersten Kontakt mit jemandem hatte: Ich schrieb Jeti-Ritter, meinen Plünderer, an und bat ihn mit dem Plündern aufzuhören. Ich hatte Glück, denn er antwortete und nach einer Weile sagte er, dass er mit Plündern aufhören würde und mich sogar unter seinen Schutz stellen würde. Wir redeten von jetzt ab fast täglich aber ich hatte mit sonst keinem Kontakt. Nach einer Weile durfte ich mit in die Alli, in der er auch war - und ich freute mich riesig. Die anderen Spieler waren nett und freundlich und ich konnte meine ganzen Fragen zu dem Spiel loswerden - wobei ich erstmal sehr sehr viel las und nur sehr wenig schrieb. Es ging mir darum erfolgreicher in dem Spiel zu sein und das Ziel verfolgte ich relativ bedacht und gemächlich.

Das alles änderte sich, als Server 4 aufgemacht wurde, es das erste Alli-Treffen gab und ich dort hin fuhr. Ich lernte die Leute kennen, die ich schon aus dem Forum kannte - nur waren es ab jetzt nicht die Spieler, sondern die Personen hinter den Spielern, die ich kannte. Damit änderte sich auch die Einstellung zum Spiel: Die Personen und das Spiel waren mir etwa gleich wichtig - ich wollte mit den Leuten und dem Spiel möglichst erfolgreich sein. Zu dem Zeitpunkt waren mir die Personen zwar wichtig, aber wenn man redete (chattete), redete man fast nur über das Spiel.

Die Zeit ging ins Land und in der Zwischenzeit hatten viele der Leute aufgehört, die ich am Anfang kannte, aber neue kamen dazu - es war ein Kommen und Gehen und ich lernte neben vielen neuen Spielern auch neue Personen kennen. Das Studium schritt weiter fort und ich hatte immer weniger Zeit für das BG übrig. Trotzdem nahm ich mir die Zeit - jetzt aber nicht wegen dem Spiel, sondern wegen den Personen, die mir an Herz gewachsen waren. Ich mochte sie, ich redete über alles mögliche mit ihnen - es war wie eine Art Familie.

Ich war relativ früh Admin geworden, musste also entscheiden, was das beste für die Allianz war. Am Anfang waren die Entscheidungen relativ hart und direkt, aber ich war auch ebenso immer darauf bedacht, was die Personen, die ich kannte, von meiner Entscheidung halten würden. Mit der Zeit änderte sich das - Ich entschied nicht danach, was das Beste für die Allianz wäre, sondern was das beste für die Personen wäre, die ich kannte. Ich hatte das Spiel in eine eigene kleine Realität geschoben. Natürlich kann man sich jetzt denken: "der spinnt ja", aber es war kein Spinnen, sondern es war das spielen einer Rolle. Die Rolle war jetzt nicht so sehr ab von der Realität, ich kannte ja einige davon, aber es war trotzdem eine Rolle, die ich da spielen konnte. Ich konnte mich von der Realität loslösen, konnte Probleme in der Realität verdrängen und mit Hilfe meiner "Freunde" teilweise auch bewältigen. Ein dorthin Flüchten war es vielleicht nicht, aber trotzdem konnte die "Familie" Geborgenheit geben.

Am Ende meiner "Karriere" - ich hab zu dem Zeitpunkt schon fast 3 Jahre gespielt - war es kein Spiel mehr: Es gab für mich die Allianz, die Familie, mit der ich reden konnte, Spass haben, lachen und weinen (naja, bissle theatralisch geschrieben, aber prinzipiell schon), es gab für mich die Freunde, die Leute, die ich besser kannte, mit denen ich mich teilweise mehrfach getroffen habe (und immer noch treffe) und es gab das Spiel, aber das war nur eine stressige und nervige Nebensache geworden - ausser ich konnte jemandem aus der "Familie" damit helfen.

Ich habe zu dem Zeitpunkt gesagt: "Stopp, du musst aufhören". Das Aufhören hat dann noch 2 Monate gebraucht, bis ich soweit mit mir einig war, dass es wirklich besser für mich ist. Der Aufwand des Spiels, das führen eines Doppellebens, das alles war doch relativ stressig und jetzt, wo wieder die Klausuren und damit der Ernst des Lebens ansteht, hab ich für diesen Stress keine Zeit mehr.

Ich möchte es nicht als Sucht bezeichnen - aber welcher Süchtige würde schon sein Laster selber eine Sucht nennen - aber es war so, dass ich mich gut gefühlt habe, wenn ich abends ins Forum geschaut habe und alles friedlich war. Es war, wie wenn man Nachts oder sehr früh morgens durch ein Dorf läuft: alles liegt friedlich und ruhig da - nichts vom Stress des Alltags ist zu spüren und das ist eine Sache, die ich jetzt nach dem Aufhören doch schon vermisse. Mit meinen Freunden red ich immer noch, mit Teilen der Familie auch, und doch ist es nicht das gleiche - man merkt, das einem etwas fehlt, aber gleichzeitig ist man auch froh, dass man es los ist. Man fühlt sich gut, wenn es den anderen gut geht, man fühlt sich schlecht, wenn es den anderen schlecht geht. Man fühlt sich auf eine komische Art schuldig, wenn man das Spiel und die Allianz, die ganze Gemeinschaft, einen Tag ignoriert und etwas anderes macht. Solange man etwas zu tun hat, fällt es einem nicht auf, aber sobald man mal durchatmet lastet ein schlechtes Gewissen auf einem.

Wenn man das ganze etwas auf die Spitze treibt, kann man sagen: Freunde und gemeinsamer Spass sind die schlimmste Sucht, die es gibt. Es ist keine körperliche Abhängigkeit sondern eine reine psychische Sucht. Aber wenn man sich darauf einläßt und darin abtaucht, merkt man, dass hinter der öden grauen Fassade eines eigentlich recht langweiligen Spiels doch eine sehr schöne und vielschichtige Gemeinschaft steckt, die jeden gerne bei sich aufnimmt. Man sollte nur darauf achten, dass man nicht zu tief darin versinkt - sonst ist es wie bei jeder "Droge": zuviel kann tödlich sein.